Vorher/Nachher-Vergleich Breitband-Absorber (Teil 2)

Jochen Wohnzimmer Deckensegel Genelec Absorber.jpg

Hallo und schön, dass Du auch zum zweiten Teil wieder dabei bist! Falls Du den ersten Teil zum Thema Mess-Ergebnisse der Breitband-Absorber noch nicht gelesen hast, empfehle ich Dir, diesen zuerst zu lesen, bevor es weitergeht: Vorher/Nachher-Vergleich (Teil 1)

Nachdem ich mit den Messungen in der letzten Woche sehr zufrieden war (um nicht zu sagen begeistert!), lag es auf der Hand, direkt auch den nächsten Schritt folgen zu lassen und sich an eine Decken-Konstruktion zu wagen.

Wohnzimmer Deckensegel Absorber Sketchup Entwurf.jpg

Wie immer geht es mir ja zunächst einmal um die akustische Prüfung. Ich bin viel zu neugierig wie es klingt, als dass ich mich monatelang nur mit Holzverarbeitung beschäftigen möchte! 

Deshalb zunächst die einfachste Variante als Deckensegel, das auf die bestehenden Absorber aufgelegt wird. Später lässt sich dann immer noch diskutieren, ob darunter eine eigene Holzkonstruktion kommt oder das ganze an die Decke gehangen wird. Aber diese Entscheidung lässt sich viel besser treffen, wenn man das Objekt real vor sich hat und auch das tatsächliche Gewicht kennt. Lieber jede Woche ein kleiner Schritt, als sich während der Planung mit Details verzetteln – Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut! Und wenn Du dies später liest, kannst Du ja ohnehin alle Blog-Artikel zu diesem Thema an einem Tag durchlesen!

Das Decken-Segel

Das Füllmaterial ist zu 100% identisch mit den bisherigen Absorbern, nämlich 20cm Rockwool Airrock ND (50kg/m³). [Nachtrag: wenn ich heute nochmal die Wahl hätte, würde ich vermutlich ein etwas leichteres Material mit niedrigerem Strömungswiderstand verwenden. Mehr zum Thema Absorber-Material habe ich in einem separaten Blog-Artikel geschrieben.]

Da ich eine Länge von 3m überwinden musste, habe ich mich hier allerdings aus Gewichtsgründen für einen durchgehenden Balken entschieden und auf einen Holzrahmen für jeden einzelnen Absorber verzichtet. Zudem habe ich jedes Steinwolle-Päckchen in dünne Abdeck-Folie eingepackt, damit mein Wohnzimmer schnellst möglich wieder wohnlich wird und keine Steinwolle-Partikel durch die Luft fliegen. Die geringe Reflexion, die ich mir damit einkaufe für hohe Frequenzen, war für mich nicht wirklich schlimm. Die Lautsprecher strahlen ja vorrangig in Richtung Rückwand und nicht in Richtung Decke. Außerdem plane ich später einen leichten Stoff davor zu spannen, der die Reflexionen etwas abmindern wird.

Absorber Steinwolle Rockwool Deckensegel Detail seitlich.jpg

Falls Du es ganz genau wissen willst: zwischen Decke und Steinwolle befindet sich etwa 8cm Luft. Dies ist akustisch vorteilhaft, weil wir dadurch die untere Grenzfrequenz, bis zu der die Steinwolle noch absorbiert, etwas nach unten verschieben. Solltest Du genügend Platz haben, empfiehlt es sich immer (egal ob an den Wänden oder an der Decke), etwas Abstand zu lassen – es kostet ja nichts!

Eine genaue Beschreibung, wie ich dieses Decken-Segel gebaut habe, folgt vermutlich in der nächsten Woche.

Lautsprecher und Mess-Mikrofone sind an der selben Stelle geblieben beim Vorher/Nachher-Vergleich. Nur die Steinwolle-Päckchen sind hinzu gekommen. Hier ein Video in der Zeitraffer, was sich zwischen den Messungen verändert hat:

Verbesserung des Frequenzgangs

Die Messungen in der letzten Woche hatten ergeben, dass wir zwar bis zu 50Hz herunter Schallabsorption erreichen mit den 20cm Mineralwolle. Da die Absorber bislang nur an zwei Wänden positioniert waren, wurden erwartungsgemäß nur einige, aber nicht alle Reflexionen und Raummoden unterdrückt. Schauen wir uns heute also an, ob die Behandlung der Decke weitere Ausreißer im Frequenzgang verbessern kann!

Die Messungen und Diagramme sind übrigens auch dieses Mal wieder mit der Software AMFG EASERA erstellt. Und als Lautsprecher kommen in dieser Woche meine neuen Genelec 8331 (Thomann*) mit den Subwoofern Genelec 7350 (Thomann*) zum Einsatz. Bis auf die Anpassung der Phase wurde noch keine Korrektur mittels GLM vorgenommen.

Frequency Response Ceiling Absorber Genelec Left.PNG

Beim Betrachten des vollständigen Frequenzgangs fällt zunächst wieder auf, dass der Decken-Absorber nochmal ein klein wenig Schallenergie aus dem Raum herausnimmt. Im Hochton-Bereich liegt der Gesamtpegel mit Deckensegel (rote Kurve) schätzungsweise 0.5dB bis 1dB unter der Messung ohne Deckensegel (blaue Kurve).

Erfreulich ist wie beim letzten Mal die weitere Glättung der Kurve, die wir durch die Decken-Absorption erhalten. Neben dem Bass-Bereich, auf den wir gleich noch näher eingehen, sind insbesondere im Bereich 150Hz bis 500Hz die Ausreißer nach oben und unten deutlich verringert.

Nun aber zum eigentlichen Highlight! Wir hatten im Teil 1 noch eine sehr deutliche Auslöschung bei 58Hz trotz der recht üppigen Menge an Absorbern an der Vorder- und Rückwand. Schauen wir uns nun im Detail an, ob sich der Verdacht auf eine Deckenreflexion bestätigt:

Frequency Response Ceiling Absorber Genelec Left Mic2 25-125Hz.PNG

Und tatsächlich: die Auslöschung bei 58Hz ist mit dem neuen Deckensegel nahezu verschwunden! Es macht mich nicht nur glücklich, dass meine Theorie aufging und die Hoffnung berechtigt war. Es ist auch noch höchst erfreulich, dass der Absorber auch bei 58Hz noch eine Wirkung zeigt!

Kleine Randnotiz: ich weiß inzwischen schon, woher die Überhöhung bei 49Hz kommt. Da ich die große Fensterfront gelegentlich öffne, konnte ich bereits feststellen, dass die Überhöhung mit einer Raummode in Querrichtung zusammen hängt. Ich weiß noch nicht genau wie, aber auch hierzu wird mir sicherlich demnächst eine absorber-technische Lösung einfallen!

Auswirkung auf den Nachhall

Der größte Unterschied in der Nachhallzeit ist sicherlich der Moment, in dem man die ersten Absorber in einen bislang leeren Raum platziert. Jeder weitere Absorber bringt dann verhältnismäßig immer weniger Veränderung. Trotzdem möchte ich Dir auch bei dem heutigen Update nochmal den Einfluss auf die Nachhallzeit (T30) zeigen.

Reverb Time T30 Ceiling Absorber Genelec Octaves.PNG

Während wir mit den 12 Absorbern bei rund 0,6s lagen, liegen wir mit dem zusätzlichen Decken-Absorber nun bei 0,5s.

Mein Fazit

Wow! So langsam geht die Sonne auf in meinem Wohnzimmer – beziehungsweise der Vorhang zur großen Bühne! Aufgrund der fehlenden Decken-Reflexion ist die Präzision bezüglich Abbildung und Tiefenstaffelung deutlich besser. Man hört plötzlich Details in Aufnahmen, die man sonst noch nicht gehört hat!

Zugegeben, der bisherige Aufwand ist natürlich eine Spur über dem, was man in seinem Wohnzimmer normalerweise in Angriff nimmt. Aber es lohnt sich dermaßen! Was nützt ein Lautsprecher für 10000 Euro, wenn der Raum den schönen Labor-Frequenzgang komplett zerhackt?!

Das schöne an Raumakustik ist, dass die Materialien wirklich erschwinglich sind. Wenn man alles im Baumarkt kauft und ein Wochenende selbst Hand anlegt, dann bringt man seine Abhör-Situation für ein paar Hundert Euro auf ein Level, das sich normalerweise nur Mastering-Studios gönnen.

Warum sollen nur professionelle Toningenieure diesen Musikgenuss feiern dürfen? Ich möchte Dir an dieser Stelle raten: bevor Du das nächste Mal Geld für ein Update Deiner Lautsprecher oder Deines Verstärkers ausgeben möchtest (egal ob für Dein Wohnzimmer oder für Dein Tonstudio), denk mal für einen Moment darüber nach, ob ein paar Akustik-Module nicht einen größeren Effekt auf die Klangqualität haben! Oder Du investierst in einfach neue Lautsprecher UND Raumakustik!

Ausblick

Ein großer Schritt ist vollbracht mit den 12 Absorber-Modulen und dem Deckensegel. Trotzdem geht die Reise natürlich weiter. Es gibt immer noch viele Möglichkeiten zur Optimierung! Die Messungen haben gezeigt, dass auch in Querrichtung noch Raummoden wirken, die bedämpft werden sollte. Zudem werde ich experimentieren, ob eine andere Position für die Subwoofer weitere Verbesserung bringt. Man kann hier viel lesen, rechnen und simulieren. Letztlich zählt für mich das messtechnische und gehörmäßige Ergebnis. Sobald die Raumakustik halbwegs steht, kommt noch das große Kapitel der Lautsprecher-Entzerrung per EQ.

Und eines Tages (hoffentlich in wenigen Wochen) soll aus Stereo natürlich Surround werden! Also freu Dich auf eine spannende und vermutlich lehrreiche Zeit!


Blog-Artikel: Vorher/Nachher-Vergleich Absorber (Teil 1)

Blog-Artikel: Bau eines Breitband-Absorbers

Blog-Artikel: Raum-Moden messen mit REW

Blog-Artikel: Welches Material ist am besten als Absorber?


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Jochen Schulz